Stundensatz berechnen – Die Formel für Selbstständige und Dienstleister
Der größte Fehler im Selbstständigen-Leben: den eigenen Stundensatz mit dem Bruttogehalt eines Angestellten zu vergleichen. Das sind komplett verschiedene Welten – und wer so rechnet, arbeitet sich kaputt. Hier die solide Berechnung, die deine Lebenshaltung sichert und langfristig tragfähig ist.
Warum der Stundenlohn-Vergleich nicht funktioniert
Ein Angestellter mit € 3.000 brutto kostet seinen Arbeitgeber ungefähr € 4.200, arbeitet 40h/Woche und hat bezahlten Urlaub, Krankheitstage, Weiterbildung, Büro, Geräte, Sozialversicherung und Pension – alles vom Arbeitgeber.
Als Selbstständiger trägst du das alles selbst. Dein Stundensatz muss also nicht das Brutto-Gehalt ersetzen, sondern die gesamte Arbeitgeber-Kalkulation.
Die Formel in 5 Schritten
Die saubere Berechnung:
- 1. Wunsch-Jahresgewinn bestimmen (was willst du netto verdienen?)
- 2. Steuern & Sozialversicherung dazurechnen (→ Jahres-Umsatz vor Steuern)
- 3. Betriebskosten addieren (Miete, Software, Versicherungen, Marketing…)
- 4. Verrechenbare Stunden pro Jahr errechnen
- 5. Umsatz geteilt durch verrechenbare Stunden = Stundensatz
Schritt 1 + 2: Vom Wunschgewinn zum Jahresumsatz
Beispielrechnung für einen Solo-Selbstständigen in Österreich:
Wunsch-Netto pro Monat: € 3.000 x 14 Monatsgehälter: € 42.000 pro Jahr (grob)
Auf diesen Nettobetrag kommen Einkommensteuer und SVS drauf. Grob für € 42.000 netto brauchst du ca. € 70.000 Gewinn vor Steuern (Einkommensteuer + SVS-Beiträge, abhängig vom individuellen Tarif).
Schritt 3: Betriebskosten
Typische monatliche Betriebskosten als Selbstständiger:
- Büro / Co-Working: € 0–500
- Hardware-Abschreibung (Laptop etc.): € 50–150
- Software-Abos (Buchhaltung, Design etc.): € 50–200
- Versicherungen (Haftpflicht, Rechtsschutz): € 40–100
- Telefon / Internet: € 40–80
- Weiterbildung: € 50–200
- Steuerberater: € 100–300
- Marketing / Website: € 50–200
Schritt 4: Wie viele Stunden kannst du realistisch verrechnen?
Hier machen die meisten den zweiten großen Fehler: Sie rechnen mit 40 Stunden pro Woche × 52 Wochen = 2.080 Stunden.
Falsch. Du musst abziehen:
- Urlaub: ca. 5 Wochen = 200h
- Feiertage: ca. 13 Tage = 100h
- Krankheit (Durchschnitt): 1–2 Wochen = 60h
- Admin / Buchhaltung / Akquise: ~30 % der Gesamtzeit
- Pausen, Leerlauf, interne Aufgaben
Realistische Rechnung der verrechenbaren Stunden
Brutto-Arbeitszeit: 2.080 h minus Urlaub/Feiertage/Krankheit: -360 h = 1.720 h minus Admin/Akquise (30 %): -516 h
Ergebnis: ca. 1.200 verrechenbare Stunden pro Jahr
Das sind rund 100 Stunden pro Monat – nicht 160, nicht 170. Wer mit 170 Stunden verrechenbarer Zeit rechnet, hat einen Stundensatz, der in der Praxis 40 % zu niedrig ist.
Schritt 5: Der finale Stundensatz
Rechnung für unser Beispiel:
Jahresumsatz-Bedarf: € 70.000 (Gewinn vor Steuern) + Betriebskosten: € 8.400 = € 78.400 Jahresumsatz nötig
Geteilt durch verrechenbare Stunden: € 78.400 / 1.200 = € 65 pro Stunde
Für den Wunsch von € 3.000 netto/Monat als Selbstständiger in Österreich, mit moderaten Betriebskosten. Je nach Spezialisierung und Branche kann dieser Satz deutlich höher liegen (IT-Consulting: € 90–150/h, Premium-Berater: € 200+/h).
Stundensatz-Korrektur: Positions-Effekt
Hast du für einen bestehenden Kunden einen niedrigen Stundensatz und willst ihn erhöhen?
Variante A: Sag es ehrlich: "Ich muss ab nächstem Quartal € X/h verrechnen, weil..." Meistens funktioniert das bei Kunden, die deine Arbeit schätzen.
Variante B: Neue Leistungsarten einführen, die den höheren Satz rechtfertigen (Beratung statt Umsetzung, Workshops, Consulting-Pakete).
Fazit
Dein Stundensatz ist keine Verhandlungssache mit dir selbst – er ist eine mathematische Größe, die sich aus deinem Leben und deinem Geschäftsmodell ergibt. Wer diese Rechnung einmal durchzieht, verkauft sich nie wieder unter Wert. Und wer feststellt, dass er zu billig ist: Sofort neue Kunden zum neuen Satz akquirieren, bestehende Kunden in Ruhe überführen.
Häufige Fragen
Was ist der typische Stundensatz für Freelancer in Österreich?
Sehr branchenabhängig. Grobe Richtwerte: Texter/Übersetzer € 50–80, Grafik/Design € 60–100, Webentwickler € 70–120, IT-Consulting € 90–150, Rechtsberatung € 200+.
Soll ich Pauschalen oder Stundensätze anbieten?
Je erfahrener du bist, desto eher Pauschalen. Sie belohnen Effizienz (du kannst dieselbe Leistung in weniger Zeit bringen). Stundensätze sind gut für unklare Projekte und Beratung.
Wie oft sollte ich den Stundensatz erhöhen?
Mindestens jährlich um den Inflationssatz (2025/26: 3–4 %). Alle 2–3 Jahre eine größere Anpassung (+10–20 %) wenn sich dein Wert/Expertise weiterentwickelt hat.
Wie kommuniziere ich eine Preiserhöhung an Bestandskunden?
Schriftlich, 1–2 Monate im Voraus. Einfache Begründung reicht: gestiegene Kosten, neue Qualifikationen, Inflation. Keine Rechtfertigung – du bist Unternehmer, nicht Bittsteller.
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